Stettin

Wir haben es rechtzeitig auf die Oder geschafft, um noch ohne Zwischenstopp abends nicht zu spät in Stettin anzukommen. Kaum sind wir im Fahrwasser, drückt uns der Fluß mit zusätzlichen vier km/h Richtung Stettin. Da wir gut in der Zeit liegen, rechnen wir uns aus, wann wir in Stettin sein werden und drosseln unsere Fahrt durchs Wasser von knapp 10 km/h auf 8 km/h. Wegen des Stroms sind wir trotzdem schneller unterwegs als vorher und sparen jetzt auch noch Sprit. Der Außenborder macht auch deutlich weniger Lärm, was sehr angenehm ist.

Im ersten Teilabschnitt ist die Oder dann auch tatsächlich sehr flach. Ein Dickschiff vor uns fährt wilde Schlangenlinien entlang der Tonnen und Peilungen. Vorsichtshalber fahren wir den selben Kurs. Das Lot zeigt knapp zwei Meter Wassertiefe an. Sobald wir auch nur leicht von der Fahrrinne abkommen, klettert die Anzeige schnell auf 1,50 m an. Ganz schön knapp.

Nach einer Stunde wird die Wassertiefe ausreichend groß, so dass wir uns keine Sorgen mehr machen müssen. Die Flußbiegungen werden auch deutlich weitläufiger. Weit genug, dass wir den Pinnenpiloten rausholen und auf Herz und Nieren testen können. Die Strömung hat mit der Aufweitung auch etwas nachgelassen. Wir passen unsere Geschwindigkeit entsprechend an. Mit dem Autopiloten fährt das Boot weite Schlangenlinien, jeweils 5° zu jeder Seite abweichend vom eingestellten Kurs. Dafür ist der Fluß dann doch fast etwas eng. Mal sehen, wie er sich mit den Einstellungen auf der Ostsee schlägt. Zur Not müssen wir etwas an der Empfindlichkeit einstellen. Für jetzt reicht es erst einmal.

Da wir beide nicht mehr hoch konzentriert an der Pinne hängen müssen, können wir etwas entspannen und abwechselnd etwas schlafen oder uns sonnen und Essen machen. An der Oder gibt es auf dem Weg bis nach Stettin fast nur Natur. Und Angler. Einmal wird die Landschaft von der Ortschaft Gryfino unterbrochen, in deren Nähe wir den ersten Seeadler dieser Fahrt am Himmel entdecken. Kurz darauf sehen wir auch einen zweiten. Die Vögel sind immer ein imposanter Anblick mit ihren großen Schwingen und den dicken gelben Schnäbeln.

Nach sechs Stunden erreichen wir dann endlich die Stettin. Sonne und Motorgeräusche haben uns für heute auch genug gegeben. Wir sind froh, beim AZS anzulegen. Der Hafenmeister empfängt uns ausgesprochen freundlich und weist uns unseren Platz zu. Kein Vergleich zu Deutschland. Meine polnische Kollegin hatte uns vorher telefonisch angekündigt, da wir letztes Jahr Schwierigkeiten hatten, uns auf deutsch oder englisch zu verständigen. Dieses Jahr ist das aber überhaupt kein Problem. Unser Hafenmeister spricht sehr gut Deutsch, was alles etwas einfacher macht.

Vorm Essen gehen wollen wir noch den Mast stellen, damit wir das Gröbste erledigt haben. Wir wollen es einmal nur zu zweit versuchen, um eventuell mal für später auch in der Einsamkeit Mast stellen und legen zu können. Ich bereite die Wanten und alles gut vor, so dass der Mast nur noch nach oben gedrückt werden muss. Letztendlich reicht aber die Kraft nicht aus. Zwei Deutsche vom Nachbarboot haben mittlerweile Ihre Hilfe angeboten, die wir erst noch ablehnen. Dann müssen wir aber doch aufgeben und freuen uns über die helfenden Hände. Leider schaffe ich es, beim Aufrichten einen Wantenspanner zu verbiegen. Der muss in Deutschland in der kommenden Woche noch schnell nachgekauft werden. Fürs Erste steht der Mast aber erst einmal. Wir bedanken uns freundlich für die helfenden Hände und gehen Essen.

Später werden wir von den beiden und dem Rest ihrer Crew noch auf einen Absacker auf Ihre „Gefion“ – einer Malö 38 – eingeladen. Sie waren zu viert einige Wochen um Fehmarn unterwegs, hatten aber wenig Wind. Drei von Ihnen fahren jetzt wieder nach Hause bei Celle und der Eigner nimmt die nächsten Freunde für den nächsten Törn an Bord. So ist das Boot wohl seit einigen Jahren rund um die Ostsee unterwegs. Wir erzählen von unserer Törnplanung und erhalten ein paar Tipps für die Reise, verabschieden uns aber recht bald, da die letzten 24 Stunden doch recht anstrengend waren.

Am nächsten Morgen räumen wir noch einmal auf, verlegen an unseren endgültigen Liegeplatz für die Woche – zwei Boxen weiter – und schließen zu. Anschließend gucken wir uns noch einmal Stettin an, essen an der neu gebauten Promenade an der Oder und schlendern über einen Jahrmarkt, der zufällig gerade hier stattfindet. Nachmittags fahren wir wieder nach Berlin, was von hier nur knapp zwei Stunden mit dem Zug entfernt ist.

Wo wir uns in Deutschland noch etwas abgucken können: selbst in der tiefsten Pampa irgendwo im Nirgendwo auf der Oder gibt es flottes mobiles Internet. In Stettin kann man noch im kleinsten Geschäft mit Kreditkarte bezahlen, was es unnötig macht, für einen Tag extra noch Zloty abzuheben. In der Beziehung ist Deutschland aber erwiesenermaßen Entwicklungsland.